Hey du scheinheilige Cosplay-Community, wir müssen reden!

Am Montag hat sich in einer Facebook-Gruppe etwas ereignet, bei dem mir die Spucke wegblieb.
Ein junges Mädchen – offenbar neu im Hobby Cosplay und wohl auf ihrer ersten Veranstaltung – hat dort eine schlimme Erfahrung gemacht und fühlte sich nun hilflos und allein.
Sie sucht Hilfe und Rat, weiß nicht wie sie mit dem schlimmen Gefühl umgehen soll. Fragt warum sie überhaupt auf der Veranstaltung war und bereut es wohl sogar, ein Kostüm an gehabt zu haben.
Sie wendet sich an die besagte Gruppe und bekommt dort viel Zuspruch und liebenswerte, positive Kommentare.

Doch dann kommt etwas, was selbst mich auf meinem jahrelangen Weg in diesem Hobby extrem verletzt hat!

Montag, 27.05., am frühen Abend

Die junge Cosplayerin berichtet in einer Cosplay-Facebook-Gruppe, dass sie blöd angemacht wurde. Was genau passiert ist führt sie nicht aus, aber dafür ihre Gefühlswelt.
Sie bezeichnet das Erlebnis als eine ihrer schlimmsten Erfahrungen, weil sie im Kostüm verbal angegriffen wurde.
Die Cosplayerin fragt, wie andere damit umgehen, da sie sich nicht vorstellen kann das alle cool und selbstbewusst damit umgehen und solche schrecklichen Worte einfach wegstecken.
Recht hat sie.

Unzählige andere Mitglieder der Gruppe geben der jungen Cosplayerin recht, unterstützen sie, erzählen ihre Geschichten unter dem Beitrag. Sie erklären, dass Selbstbewusstsein nicht von jetzt auf gleich kommt, dass es dauert bis das aufgebaut ist. Es ist normal, dass man sich nicht gleich traut mit einem taffen Spruch zu kontern.
Die meisten erzählen, dass sie zwar heute cool reagieren aber innerlich von solchen Worten noch immer zutiefst verletzt werden.
Viele Menschen können das selbst als gestandene Erwachsene nicht – und das ist auch nicht schlimm!
Nicht jeder muss gleich einen starken Spruch raushauen, sich unnahbar geben, so tun als würde es ihm nichts ausmachen.

Ein Mitglied sah das aber anders.
Offenbar hatte sie selbst schlimme Erfahrungen gemacht und schaltete nun auf absolute Angriffshaltung dem Thema gegenüber, denn anders kann ich mir die absurden Kommentare nicht erklären.
Sie verteidigte die Unbekannten, die die junge Cosplayerin angemacht hatten.
Mehr noch: Sie bezeichnete Cosplay als “sich mit jemandem anlegen” und “es provozieren, wenn man so aussieht”.

Man muss halt die Fresse halten wenn man nicht genügend Selbstbewusstsein hat und sich nicht verteidigen kann.

Über diese Worte war ich absolut sprachlos.
Sofort ergriff mich ein beklemmendes Gefühl – Panik. Ich kannte es so angemacht zu werden, genug eigene Erfahrungen holten die Angst sofort wieder hoch.

Geht’s noch?!

Ich war erst wie gelähmt, dann kam in mir die Wut hoch.
Ich musste solche Sprüche lang genug ertragen, ganz persönlich aus erster Hand, nicht über das Internet. Von Fremden, Gaffern, Außenstehenden die dem Hobby gegenüber alles andere als aufgeschlossen waren.
Warum greifen wir uns nun auch gegenseitig in der Community so an?!

Viele andere Cosplayer, eigentlich jeder, hat solche dummen Anmachen schon erlebt. Solche negativen Erfahrungen in der Cosplay-Szene schon gemacht.
Von ganz Fremden, aber auch untereinander.
So erzählt die deutsche Cosplayerin SajaLyn in Ihrem Beitrag, warum die Community für sie gestorben ist – knallhart und direkt.

Besonders wenn man auf offener Straße so angemacht wird, ist es schwer nicht einzuknicken, nicht anzufangen zu weinen, nicht panisch schneller laufen – cool und taff wirken!
Das soll man doch!
Keine Angriffsfläche bieten, stark sein, kontern.

Kann jeder sofort schlagfertig kontern?

Ich konnte es mit 15 definitiv nicht.
Damals war ich frisch dabei, habe gerade zwei Jahre gecosplayt, bunte Perücke getragen, auffällige schrille Kostüme.
Natürlich fiel das auf, besonders in meinem Heimatort auf dem Weg zu einem Treffen und dann in der Großstadt Frankfurt.
Es gab unzählige dumme Blicke, Gaffer.
Und eine nicht gerade kleine Zahl an dummen Sprüchen gab es auch.

“Ey ist denn schon wieder Fasching, Naruto?!”

Nein es war kein Fasching. Und ich war auch gar nicht Naruto aus dem gleichnamigen Anime/Manga. Genau genommen war ich Mew Lettuce aus Tokyo MewMew.
Aber der Spruch saß bei meinem jugendlichen Ich.
Ich hatte natürlich Angst, dass die Gruppe Jugendlicher, übrigens Männer UND Frauen, gleich auf Tuchfühlung ging und mir etwas tat. Ängstlich rief ich damals meine Mutter an, sie begleitete mich telefonisch den restlichen Weg zur Veranstaltung.
Die nachfolgenden Treffen waren für mich schwer, ich trug das Kostüm immer unter normalen Alltagsklamotten. Die Perücke wurde erst vor Ort angezogen.
Bloß nicht auffallen, bloß in Ruhe gelassen werden!

Sind wir mal ehrlich: Jeden von uns verletzt es.

“Du bist zu fett um Tecna aus Winx Club zu sein!”
“Du siehst gar nicht männlich aus, warum machst du Männer wenn du eine Frau bist?”
“Du bist zu hässlich, solche süßen Mädels solltest du nicht cossen!”

All das sind Sprüche, die ich mir auf meiner langen Cosplay-Reise anhören musste. Die Virtuellen – denn die Wenigsten trauen sich, sowas von Angesicht zu Angesicht zu sagen.

Was cosplayt man nun, wenn man für Mädchen zu hässlich ist? Natürlich nur noch Männer. Weil es mich verletzt hat.
Ich wollte keine Angriffsfläche bieten, keine solchen Kommentare mehr lesen müssen. Genauso wie ich die Sprüche auf der Straße nicht mehr wollte.
Also habe ich eine lange Zeit nur männliche Charaktere gecosplayt. Das ging gut, ich fühlte mich wohl, musste keine Angst haben nicht “hübsch” zu sein, weil hübsch eher kein typisches Adjektiv ist das man nutzt, um einen Mann zu beschreiben.
Dann kam einige Monate danach ein weiterer Schlag. Ich sei nicht männlich genug, um Männer darzustellen – und dieses Kommentar, hat mich dann gar nicht mehr so sehr verletzt.
Ich bin ja auch kein Mann, ich bin eine Frau und auch nicht Transsexuell. Ich fühle mich in meinem Geschlecht wohl.
Ich will gar kein Mann sein, sondern ihn nur darstellen.
Meinen Spaß haben und als Tony Stark cool sein.

Irgendwann kommt der Punkt, wo es dir egal wird!

Und so verhält es sich auch im Fall der jungen Cosplayerin in der Gruppe.
Irgendwann kommt die Erkenntnis – es ist mir egal. Es kann lang dauern, schwer sein, viele dumme Sprüche, schreckliche Anmachen, Angst und ein extrem angeknackstes Selbstvertrauen zurück lassen.
Man fühlt sich schlecht, möchte gar kein Kostüm mehr tragen, nichts mehr nähen, keine Perücke mehr schneiden und aufsetzen.
Nie wieder sein Lieblingscharakter im echten Leben sein.
Keine Angriffsfläche mehr bieten, möglichst klein und unauffällig sein.
Und das ist okay. Es vergeht und du wächst daran.
Glaub mir!

Du bist stark und ein toller Mensch!
Du darfst dieses wundervolle, vielfältige Hobby nicht aufgeben.
Nicht weil einige Menschen intolerant sind und nicht erkennen, wie großartig, kreativ, abwechslungsreich und fantastisch es ist.
Nicht wegen denen!

Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin
Die meisten Leute haben ja gar nichts Böses im Sinn
Es ist ihr eintöniges Leben, was sie quält
Und der Tag wird interessanter, wenn man Märchen erzählt

“Lasse redn”, Song von “Die Ärzte”
Interessant? Teile den Beitrag mit Anderen!

1 Kommentar

  1. Mir ist dein Blogeintrag erst soeben untergekommen. Vielen Dank auch für die Verlinkung.

    Ich finde es super, dass auch du das Thema so offen ansprichst und anderen Mut machst! Das wurde einfach schon viel zu lange tot geschwiegen.

Sprich Dich aus!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hiermit stimme ich den Datenschutzbedingungen zu.

© 2020 SadakoCosplay

Theme von Anders Norén